Vorwort

Mutters Koffer – ein Dokumentenschatz, prall gefüllt mit Liebesbriefen und Ansichtskarten, Feldpost und Alltagstexten. 

Im April 1934 hatte meine Mutter Elisabeth diesen Koffer als Handgepäck mitgenommen in das Paxheim, einem Erholungshaus für katholische Priester in Unkel am Rhein. Während des einjährigen Aufenthalts dort sollte sie die Küche lernen, wie man seinerzeit den obligatorischen Ehe-Vorbereitungskurs für Haustöchter nannte. Damals fing sie an, Nachrichten aus der Heimat in ihrem Köfferchen aufzubewahren. 25 Jahre später hatte sie uns Kindern nach langem Zureden die Schatztruhe einmal geöffnet: Wir durften unter ihrer Aufsicht von den Umschlägen die Briefmarken ausschneiden, während die Dokumente aber unbeschädigt bleiben mußten.

Meine Mutter verstarb im Dezem­ber 2015 – mit über 100 Jahren. Im Jahr darauf wurde mein Elternhaus in Gescher aufgelöst. Und da stand er schließlich vor mir, der abgenutzte alte Handkoffer. Ich wußte um seine Existenz, jahrzehntelang hatte er unbeachtet in einer hinteren Ecke auf dem Dachboden gestanden und sich vollstauben lassen.

Der Koffer voller Erinnerungen meiner Mutter: Was damit anfangen? Müllcontainer, Stadtarchiv oder mitnehmen? Ich entschloß mich für das Mitnehmen – und ahnte damals noch nicht, zu welch abenteuerlicher Reise mich der Koffer verführen sollte. Auch bei mir in Berlin stand das abgenutzte Gepäckstück zunächst nur als Staubfänger herum. Beginnend mit dem Jahre 2020 öffnete ich ihn immer wieder für spontane, versonnene Lesestunden, ging die Schriftstücke durch. Allmählich suchte ich Ordnung in das Durcheinander zu bringen. Schließlich lag die große Familie Althoff-Bisping meiner Mutter ausgebreitet vor mir. Vertraute Namen aus alten Erzählungen tauchten auf. Zahlreiche Gratulations- und Kondolenzschreiben standen für glückliche Tage und für Trauer in ihrem so reichen, über ein Jahrhundert währendem Leben. Die Feldpost ihrer Brüder und Schwäger dokumentieren die Jahre des Zweiten Weltkriegs, die zahllosen Totenzettel der verstorbenen Verwandten sowie der Freunde und Nachbarn unserer Familie zeugen von einem weitgespannten Beziehungsgeflecht.

Die Sippenliste von 1956 lag da, welche seinerzeit zum Familienfest in Handorf von Hugo Althoff erstellt worden war. 240 Mitglieder aus meist bäuerlichen Familien waren damals aus dem ganzen Münsterland an die Werse geströmt, um miteinander zu feiern, einfach so. Leider durfte ich an dem Fest nicht teilnehmen, obwohl ich schon zwölf Monate zählte. Es gab natürlich einen Anlaß für das damalige Ereignis, zu dem tatsächlich Grüße vom Bundesfamilienminister Franz-Josef Wuermeling und sogar vom Bundeskanzler Konrad Adenauer aus Bonn eintrafen. Einige wenige hatten diese Idee eines Familientags entwickelt, einige, die auf ihre Familie Schulze Althoff besonders stolz waren, stolz auf die jahrhundertealte Geschichte des Schulzenhofs, von dem sie abstammten, auf seine Beständigkeit und auf die Tüchtigkeit seiner Kinder und Kindeskinder. Und auch einfach Freude am Feiern wird ein Grund gewesen sein, die weitverzweigte Familie zusammenzurufen. Hier konnte man sich wieder einmal seiner Herkunft ver­gewissern und in offener Atmosphäre auch mit fremden Verwandten einen schönen Tag verleben, der mit einem rauschenden Ball in später Nacht ausklingen würde.

So begann meine eigene Reise mit Mutters Koffer, um die große Familie zu erkunden. Offene Fragen hatte ich genug: Wer war ihr Onkel Hugo Althoff, der Senator im Freistaat Danzig, von dem meine Mutter oft erzählt hatte? Oder ihre Tante Johanna Gausepohl in Sprakel bei Münster, die es nicht leicht gehabt haben soll? Warum hatte meine Mutter wieder Kontakt zu Josepha Eckelkamp in Münster, obwohl diese alte Tante in Mutters Jugend nicht nur gut zu ihr war? Wie kamen die Lütke Hockenbecks und die Tertilts in Alverskirchen in unsere Familie? Oder auch Hugo Ahlbrand aus Telgte, der meiner Mutter im Jahre 1948 erklären mußte, wie sie durch die Währungsreform ein kleines Vermögen verloren hatte? Warum empfand meine Mutter die Nachkriegsjahre in ihrer Vier-Zimmer-Wohnung in Telgte als eine schöne Zeit, trotz zwangsweiser Einquartierungen mehrerer Untermieter gleichzeitig? Was verband sie mit ihrer Jugendfreundin Hilde Püning, zu der sie im Alter wieder Kontakt suchte? Warum hat sie als Kriegswitwe nach 1945 vier Jahre lang auf die Hochzeit mit meinem Vater gewartet, obwohl sie auch andere Männer mit sicherer Existenz hätte heiraten können, die kein Entnazifzierungsverfahren am Hals hatten?

Nach fünfjähriger Arbeit liegt nun dieses Familienbuch der Althoffs aus Ostbevern vor uns. Ausgehend von der Sippenliste 1956 stand im Mittelpunkt meiner Forschungsarbeit, die allerdings keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, die Familie meines Urgroßvaters Heinrich Wilhelm Schulze Althoff (1840–1913) und seiner beiden Ehefrauen Sophia Plönies (1851–1877) und Juliana Pöhler (1854–1931). Zahllose Telefonate und Gespräche führte ich und unternahm Reisen zu Nachkommen ihrer elf Kinder und 30 Enkel. Bereitwillig wurden mir Photos, Dokumente und Geschichten anvertraut, in der Hoffnung, daß ich diese redlich in die Darstellung unserer Großfamilie einbaue.

Bei dem Stichwort Redlichkeit denke ich daran, wie oft ich in den Häusern herzlich empfangen wurde, auch von mir völlig fremden Verwandten, wie oft mir bei Kaffee und Kuchen Geschichten erzählt wurden, die selbst in der eigenen Familie kein Allgemeingut waren. So bin ich zu einem Hüter eines unermeßlichen Wissensschatzes um unsere Althoff-Familie geworden und sehe mich plötzlich in der Tradition meiner Großtante Änne Althoff, die als „rührende Bewahrerin ererbter Andenken von Eltern und Geschwistern“ galt.

Bei den Geschichten bin ich auf manche Schicksalsschläge gestoßen. Ich hörte von Beinamputationen, die mal durchgeführt, mal abgelehnt wurden – mit tödlichen Konsequenzen. Ich sah die Familie vom Großonkel Emil Althoff, der zwei Ehefrauen durch tragische Ereignisse verlor und mit fünf Kindern allein dastand, während seine Detmolder Stuhlfabrik in Konkurs ging. Ich stieß auf Brigitte, die Tochter meines Großonkels Hugo Althoff, die er vor seiner Familie verheimlichte, und die einen tragischen frühen Tod unter einer Schneelawine fand. Das harte Leben der Großtante Johanna Gausepohl – es hatte wohl auch damit zu tun, daß sie zum Kriegsende 1945 von Uniformierten zur Erschießung an die Wand gestellt wurde. So wollte man den Aufenthaltsort ihres desertierten Sohnes erpressen.

Familie: Ein Thema, zu dem jeder von uns eine Meinung und Gefühle hat sowie eigene Erfahrungen besitzt. Hier wird ein Blick auf unsere Herkunftsfamilien geworfen. Mit diesem Buch möchte ich den Generationen vor uns ein Denkmal setzen, meinen Vorfahren, die zwei Weltkriege erleben mußten, die durch die Spanische Grippe, durch Inflation und Währungsreform in Bedrängnis gerieten und vermutlich oft das Gefühl hatten, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Hinzu kamen das mehrmalige Wechseln der Staats- und Gesellschaftsform – vom Kaiserreich zur Republik – sowie die Wirrnisse und Verlockungen des Dritten Reichs mit der Gefahr, sich schuldig zu machen. Immer wieder sind es die starken Frauen, die nach dem Tod oder dem Ausfall ihrer Männer ihre Familien und Betriebe zusammenhielten oder auch um ihre Liebe kämpften. Westfalen, die Rote Erde zwischen Rhein und Weser, und der christliche Glaube gaben ihnen eine bodenständige Heimat, waren ihnen Anker in den Turbulenzen der Jahrzehnte.

Durch anekdotisches Erzählen habe ich versucht, die Verstorbenen wieder lebendig werden zu lassen. Dabei habe ich auch Geschichten von Menschen aufgenommen, mit denen unsere Familien in Kontakt standen. Inhalt und Wortwahl vieler zeitgenössischer Zeitungsartikel sollen mein Ziel einer authentischen Beschreibung unterstützen. In der Methodik bin ich hierbei dem Geschichtsschreiber Leopold von Ranke (1795–1886) gefolgt. Er suchte jedes Geschichtsgeschehen aus seinem Kontext heraus darzustellen, ohne zu richten. Er wollte eine Gegenwart beschreiben, die ihre Zukunft nicht kennt. Nur die Maßstäbe aus der jeweiligen Epoche ließ er gelten.
Dieses Buch ist keines, welches man von vorn bis hinten durchliest. Vermutlich steht zunächst die eigene Familie im Mittelpunkt des Interesses. Auch für Nicht-Familienmitglieder dürfte es spannend sein zu erfahren, wie frühere Generationen in Westfalen ihr Leben gemeistert haben. Zugleich möchte ich mit diesem Werk anregen und Mut machen, sich selbst auf Spurensuche innerhalb der eigenen Familie zu begeben. Voller Überraschungen kann daraus ein großes Abenteuer werden.

Berlin, im September 2025
Othmar Rest

 

 

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.